Hymnus Europae |
Die Hymne Europas |
Carmen Latinum |
Übertragung ins Deutsche |
Est Europa nunc unita Semper regant in Europa
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Europa ist nun vereint Immer mögen in Europa herrschen Bürger, Europa möge blühen, |
© Dr. Peter Roland |
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| Hymnus Europae Ein kleiner Lateinkurs für jene, die mit dem Lateinischen nicht oder nur wenig vertraut sind |
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| Vorbemerkung : Schon der erste – vergleichende - Blick auf die lateinische und die deutsche Textierung der Hymne zeigt, dass das Deutsche wesentlich mehr Raum benötigt, um Inhalt und Sinn der lateinischen Verse wiederzugeben. Das liegt einerseits daran, dass das Lateinische ohne Artikel auskommt (so heißt „der Frieden“ im Lateinischen nur „pax“); andererseits aber kann das Lateinische mit nur einem einzigen Buchstaben in der Wortendung die Bedeutung dieses Wortes – und damit auch den Sinn des Satzganzen – ändern. (Daher erzieht diese Sprache mehr als jede andere zur Genauigkeit und Logik des Denkens; kein Wunder also, dass die alten Römer als das begabteste Juristenvolk der Weltgeschichte gelten). | |
Est Europa nunc unita |
Europa ist nun vereint |
| Während lebende Fremdsprachen an eine bestimmte Wortstellung gebunden sind, ist das Lateinische diesbezüglich recht frei, da die Zusammengehörigkeit der Wörter an ihren Endungen erkennbar ist; das wird bereits im ersten Vers deutlich: unit a (vereint) ist mit Europ a übereingestimmt. Diese Freiheit der Wortstellung ermöglicht es nun, die Reihenfolge der lateinischen Wörter innerhalb eines Satzes so anzuordnen, dass daraus eine bestimmte Betonung fühlbar wird: Die Stellung von Est (= es ist) gleich an den Beginn will eine (wie wir hoffen: unabänderliche und für wahre Europäer auch erfreuliche) Tatsache unterstreichen. Eine noch genauere Übersetzung müsste also lauten: (Es) ist Europa nun (unser „nun“ entstand ja aus dem lat nunc ) vereint. | |
| et unita maneat; |
und vereint möge es bleiben; |
| Maneat ist ein „Coniunctivus optativus“, mit dem ein Wunsch ausgedrückt wird (merken wir am starken Klang des zweiten a , wie nachdrücklich dieser Wunsch ausgesprochen wird?); das Deutsche braucht für diesen einen lateinischen Buchstaben immerhin ein eigenes Hilfszeitwort „mögen“. Wie dem auch sei: Wenn Europäer verschiedener Nationen diesen Vers gemeinsam singen, soll ihnen bewusst sein, dass schon der gemeinsame Wunsch ein Beitrag für dessen Verwirklichung ist ... | |
| una in diversitate |
in Vielfalt geeint |
| Wie im Deutschen: aus unus (eins) wird unitus (vereint) abgeleitet, hier jeweils mit der auf Europa bezogenen Endung a . In diesem Vers haben wir das – offizielle – Motto der Europäischen Union vor uns: „In Vielfalt geeint“, was sich in manche der Unionssprachen noch „lateinischer“ übersetzen lässt: „United in diversity“, „Unie dans la diversité“, Unita nelle diversità“, „Unida na diversidade“ ... | |
| pacem mundi augeat |
möge es den Weltfrieden stärken |
Pax (= der Frieden) hat hier die Endung des Akkusativs, mundus (= die Welt, span. mundo, ital. mondo, franz. monde) die Endung des Genetivs – also wörtlich: den Frieden der Welt. Augeat ist wieder ein Optativus (von augere = vermehren, stärken) und drückt jenen Wunsch aus, der am Beginn der europäischen Einigung stand: Die Auseinandersetzungen zwischen den europäischen Nationen haben oft genug weite Teile der übrigen Welt in Kriege mit Millionen Toten hineingezogen; wenn es aber dank der Einigung keine Kriege zwischen den europäischen Nationen mehr gibt, dann trägt dies wesentlich zur Sicherung des Friedens auch in Europas Umgebung bei. Dieser Gedanke stand ja im Mittelpunkt der denkwürdigen Rede Robert Schumans am 9. Mai 1950, mit dem die Integration begonnen hat – und der 9. Mai wird seither als „Europatag“ gefeiert. |
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Semper regant in Europa |
Immer mögen
in Europa herrschen |
| Regant ist bereits der dritte Optativus, diesmal von regere = herrschen, regieren. Ist Europa also ein Wunsch? Wir sagen: ja, doch zum Teil bereits Realität – und wenn wir an seine Erfüllung glauben, ist dieser Wunsch ganz erfüllbar. Europa ist eben nichts für mieselsüchtige Eurosklerotiker; wir halten uns lieber an einen Ausspruch Hallsteins: Wer in Europa nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist. | |
| fides et iustitia |
Vertrauen und Gerechtigkeit |
| Fides bedeutet Glauben, Vertrauen. Viele von uns glauben nicht nur an Gott, sondern schenken ihm ihr Vertrauen; wer will, findet hier also einen Gottesbezug. Dasselbe mag aber auch von Europa gelten: Vertrauen in seine Zukunft. Iustitia (Gerechtigkeit) ist ein europäischer Grundwert, | |
| et libertas populorum |
und die Freiheit
seiner Völker |
| genauso wie libertas (Freiheit). Populorum ist der Genetiv von populus (Volk, eng. people, ital. pòpolo, span. pueblo, frz. peuple –leider kommt im Deutschen davon auch das Wort „Pöbel“) | |
| in maiore patria. |
in einem größeren
Vaterland. |
Der „Major“ ist der „Größere“, eine Eigenschaft, deren sich (von der Wortbedeutung her) auch jeder Träger des Familiennamens „Maier“ (in seinen verschiedenen Schreibweisen) rühmen darf. Übereingestimmt ist dieses Wort hier mit patria , Vaterland (von pater = Vater). Ja, wir Europäer haben eben mehrere Identitäten, angeordnet in konzentrischen Kreisen: der innerste ist wohl unsere Stadt oder unser Dorf; dann bleiben wir stolz auf unseren Staat, unsere Nation; nun aber gewinnen wir in Europa (und vielleicht wird uns dies beim gemeinsamen Singen dieser Hymne erst so recht bewusst) eine neue, noch größere Heimat. |
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| Cives, floreat Europa, |
Bürger, Europa möge blühen, |
| „Zivil“ bedeutet eigentlich „bürgerlich“, daher sind cives die Bürger und Bürgerinnen (im Lateinischen gilt die Endung –es für Männer und Frauen!). Und bei floreat finden wir, erraten, schon wieder einen Optativus, diesmal abgeleitet von florere , das uns an „florieren“ erinnern wird. | |
| opus magnum vocat vos. |
eine große
Aufgabe ruft euch. |
| Opus kennen wir vor allem aus der Musik, doch bedeutet opus magnum ganz allgemein eine große Aufgabe. Die Kunstform des Stabreimes v ocat v os (ruft euch) soll feierlich den Ruf ( vocare = rufen) an alle unterstreichen, am gemeinsamen Werk mitzuarbeiten. | |
Stellae signa sunt in caelo aureae, quae iungant nos. |
Goldene Sterne am Himmel sind die Symbole, die uns verbinden mögen. |
Stella ist ein Stern, stellae ist die Mehrzahl, womit – deutlich sichtbar – das Wort aureus = golden übereingestimmt ist. Und diese (12) goldenen Sterne auf dem (blauen) Himmel ( caelum = Himmel) sind die signa ( signum = Zeichen, Symbol), welche uns (nos) verbinden mögen. |
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So schließt auch der letzte Vers mit einem Optativus, einem Wunsch. Aber gibt es einen schöneren Abschluss einer Hymne, als sich gemeinsam und in einer gemeinsamen Sprache die Erfüllung eines so schönen Traumes wie eben die dauerhafte Vereinigung unserer gemeinsamen – größeren – Hei mat zu wünschen? |
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